Amöneburger Vorträge

Was gilt der „Prophet“ im eigenen Land?

Dieser Frage wollte sich der ehemalige Stiftsschüler Dr.theol. Marco Bonacker jetzt im Rahmen einer Vortragsveranstaltung an seiner ehemaligen Schule, um im Anschluss an die selbst aufgeworfene Frage sogleich augenzwinkernd festzustellen, dass die Frage schon allein deshalb nicht zulässig sei, da er selbst ja kein Prophet sei.

Dr. Bonacker war der erste Gastredner einer neu ins Leben gerufenen Vortragsreihe an der Stiftsschule und sprach zum Thema „Die Zukunft der Kirche“. Dr. Bonacker ist gebürtig aus Stadtallendorf und heute im Bonifatiushaus in Fulda als Bildungsreferent und stellv. Leiter des Bereichs Erwachsenenbildung für die Kooperation mit der Stiftsschule und Fragen der Medizinethik zuständig.

Der Vortrag Bonackers fand im Zusammenhang einer neuen Vortragsreihe statt, die auf Initiative einiger Eltern, deren Kinder 2018 erfolgreich an der Fernsehshow „Luke, die Schule und ich“ mit Luke Mockridge teilgenommen hatten, ins Leben gerufen und von einem Teil des Preisgelds finanziert werden soll. Zukünftig sollen im Halbjahr zwei Vorträge stattfinden.

Dr. Bonacker machte in seinem Vortrag sogleich deutlich, dass für ihn die Zukunft der Kirche in einer säkularisierten Welt nicht zuletzt davon abhängt, dass es Menschen gibt, die im besten Sinne Kirche, Glauben und Werte vorleben. Er selbst habe dies an der Stiftsschule erfahren und sei von den dort tätigen Menschen entsprechend geprägt worden, was dann auch durchaus dazu führte, dass er später den Weg ins Theologiestudium fand.

Der Referent wies in seinem Vortrag auch darauf hin, dass es durchaus auch an der Kirche selbst liege, dass sie Abkehr von ihr und Kirchenaustritte beklagen müsse. Er wies insbesondere auf die Missbrauchsskandale hin. In interessanter Weise öffnete er jedoch auch den Blick dafür, dass nicht alle aktuellen Entwicklungen so dramatisch seien wie wir sie wahrnehmen würden. Im besten osthessischen Platt zitierte Bonacker seine Großmutter, die beklagte, dass in Momberg kein Pfarrer mehr sei und damit die Kirche verloren ginge. Der Wissenschaftler weitet hier jedoch den Blick und stellt fest, dass Momberg nur in den letzten 100 Jahren überhaupt einen eigenen Pfarrer gehabt habe. Alle Jahrhunderte davor sei Momberg von Neustadt aus betreut worden. Grund dafür, dass jedes Dorf seinen eigenen Pfarrer bekommen habe seien die Entwicklungen im 19. Jahrhundert gewesen. Im Zuge von Industrialisierung, verbesserter Ernährungslage, landwirtschaftlicher Technik und medizinischem Fortschritt, mussten „überzählige“ Kinder in den kirchlichen Dienst treten, da sie auf den Höfen sonst nicht hätten versorgt werden können. Außerdem habe der Kulturkampf unter Reichskanzler Bismarck dazu geführt, dass sich die Katholiken enger zusammengeschlossen hätten und ihren Glauben deutlich bewusster gelebt hätten.

Im Hinblick auf die Zukunft der Kirche sieht Bonacker die Notwendigkeit die christliche Botschaft in neuen Formen und mit neuen Wegen den Menschen näher zu bringen. Früher musste man den Katechismus auswendig lernen, heute begegnet er einem in ansprechendem jugendlichen Gewand als App und nennt sich „Docat“ (im Internet: https://www.youcat.org/de ) und lädt ein zur Diskussion und zum „Machen“. Das Projekt sei in der ganzen Welt sehr erfolgreich und würde in vielen Ländern auch Grundlage in der religiösen Bildung sein.

Ausdrücklich wurde im Anschluss an den Vortrag zur Diskussion eingeladen. Von der Möglichkeit wurde auch reichlich Gebrauch gemacht. So musste Dr. Bonacker auch zu Fragen des Zölibats und des Frauenordinariats Stellung beziehen, wo dann durchaus auch deutlich wurde, dass hier zwischen engagierten Gläubigen und Amtskirche mancher Schritt zu gehen sein wird, um eine gemeinsame Linie zu finden.

Insgesamt darf man sagen, dass es eine rundherum gelungene Veranstaltung war, die mit ca. 80 Zuhörern auch regen Zuspruch fand und Lust auf die nächsten Vorträge macht.

Für einen weiteren Vortrag in diesem Halbjahr, voraussichtlich im Juni, haben wir die Zusage von Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher, dem Leiter des Mathematikums in Gießen. In der zweiten Jahreshälfte wird dann ein Vortrag eines ehemaligen Häftlings des Stasi-Untersuchungsgefängnisses Hohenschönhausen (Berlin) nach Amöneburg kommen.


Jan-Gernot Wichert

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