Amöneburger Vorträge

Zeitzeugenvortrag anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls

Wenn man in den neuen Bundesländern jemanden fragen würde, der bis etwa Mitte der 70er Jahre geboren wurde, ob er Edda Schönherz kennt, der wird mit ziemlicher Sicherheit die Antwort „Ja“ bekommen, denn Edda Schönherz war „die“ Ansage-, Nachrichtensprecherin und Moderatorin in der DDR bis zu ihrer Verhaftung durch die Staatssicherheit der DDR.

Dieser ehemalige „DDR-Promi“ besuchte die Stiftsschule anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls, um dort mit ihrem Vortrag einen Beitrag „gegen das Vergessen und Verharmlosen und Schönrederei“ der Zustände in der DDR zu leisten, wie sie selbst in ihren Eingangsworten ihre Motivation klarmachte. Dabei ist ihre Hauptzielgruppe, die sie ansprechen möchte, die Jugend. Zu dieser konnte Edda Schönherz am Schulvormittag sprechen. Die gesamte Jahrgangsstufe E, die auch aktuell im Geschichtsunterricht die DDR-Geschichte bearbeitet, lauschte ihr gespannt und interessiert. Den jungen Menschen teilte sie auch bereits im vorhergehenden abendlichen Vortrag mit, dass sie zwar nicht für die Vergangenheit verantwortlich seien, aber für die Gestaltung der eigenen Zukunft. Direkt an die Jugendlichen gewandt forderte sie von ihnen „weniger Pille-Palle-Sendungen zu gucken und auf ein wenig Internet zu verzichten“ und stattdessen sich politisch zu interessieren und zu engagieren. Denn die Demokratie können man nur mit Wachsamkeit verteidigen, da überall ihre Feinde lauern würden und nur darauf warteten zuschlagen zu können. Gerade in der aktuellen Zeit können solche mahnenden Worte sicherlich nicht oft genug gesagt werden!

Edda Schönherz berichtete sehr nüchtern über die Drangsalierung, die fehlende Freiheit, die Verstöße gegen die Menschenrechte, die in der DDR systemimmanent waren. Selbst nach Unterzeichnung der Helsinki-Akte 1975 mit der die DDR die Einhaltung der Menschenrechte garantierte, hielt sie diese keineswegs ein. Sie hat im Hinblick auf die Bewertung des DDR-Staats auch eine eindeutige Positionierung: Dieser sei ein Unrechtsstaat gewesen und jegliche Verharmlosung verböte sich. Diese Haltung vertritt sie auch gegenüber der Partei „Die Linke“ heute, die trotz mehrfacher Umbenennungen immer noch im Kern die alte SED sei und noch immer mit den alten „Genossen“ durchsetzt sei. Heutige Verklärungen der DDR kann Edda Schönherz zwar erklären, da der Mensch eben negative Erlebnisse schnell verdränge, aber um so wichtiger ist es dann diese wieder ins Gedächtnis zu rufen. 250.000 politische Häftlinge sprechen hier eine klare Sprache.

So wendet sie sich auch gegen die Beschönigung von „Gleichberechtigung“ und der vermeintlich besseren „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ in der DDR durch ein umfassendes Betreuungssystem. Denn dies alles habe einerseits nur der sozialistischen Indoktrination von Kindesbeinen an gedient und andererseits der Verfügbarkeit der Frauen für die Wirtschaft, da stets Mangel an Arbeitskräften geherrscht habe. In der Bildung forderte Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung nur solche Kinder zu fördern, deren Eltern linientreu waren.

Edda Schönherz sprach in ihrem Vortrag aber auch über ihre persönliche Lebensgeschichte.  Viele DDR-Prominente, die in der DDR politisch in Ungnade gefallen waren, versuchte man rasch loszuwerden, z.B. indem man ihnen eine Westtournee genehmigte und sie anschließend einfach nicht mehr einreisen ließ. Bei Edda Schönherz war dies anders. Sie musste als abschreckendes Beispiel die gegen sie verhängte Strafe von drei Jahren zwischen 1974 und 1977 vollständig absitzen. Erst 1979 konnte sie mit ihren Kindern in die Freiheit im Westen ausreisen. Die Hoffnung der SED-Funktionäre war, dass Schönherz nach dieser Zeit im Westen keine Chance mehr bekommen würde auf den Bildschirm zurückzukehren. Hier irrten die Vertreter der sozialistischen Diktatur jedoch, denn beim Bayerischen Rundfunk konnte sie an ihre alte Tätigkeit anknüpfen.

Was hatte sie aber getan, um den Zorn der SED auf sich zu ziehen? Sie hatte im August 1974 im Urlaub in Budapest die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland aufgesucht, um sich nach einer Möglichkeit zu erkundigen, die DDR zu verlassen, was außer über einen Fluchtversuch über einen Ausreiseantrag gelingen konnte, der jedoch meistens eine lange Zeit der Repression, der Ausgrenzung, z.B. durch Verlust des Arbeitsplatzes und Haft nach sich zog.

Die westdeutsche Botschaft, die Edda Schönherz aufgesucht hatte, stand jedoch unter ständiger Stasi-Beobachtung und nach ihrer Rückkehr wurde sie fortan rund um die Uhr überwacht. 2 konspirative Wohnungen zur Überwachung richtete die Stasi in Edda Schönherz Nachbarschaft ein. Bereits im September 1974 drangen dann 12 Stasi-Offiziere in ihre Wohnung ein und nahmen sie in ihrem Schlafzimmer mit der berüchtigten Begründung „zur Klärung eines Sachverhalts“ fest. Von diesem Moment an sah sie drei Jahre lang ihre Kinder nicht mehr, die von den Großeltern betreut wurden, was Edda Schönherz aber erst nach ihrer Haftentlassung erfuhr. Zunächst verbrachte sie drei Monate im Stasi-Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen, ehe sie ins Frauengefängnis nach Hoheneck verlegt wurde und dort in einer Zelle mit 26 anderen Frauen, die nicht alle aus politischen Gründen inhaftiert waren, sondern beispielsweise als sadistische Mörderinnen, untergebracht wurde.

Während ihrer dreijährigen Haftzeit ließ man sie über den Verbleib ihrer Kinder im Unklaren. Nach Absitzen der „Strafe“ half ihr der Berliner Bischof der Katholischen Kirche mit einer Anstellung bei der Caritas als Fotografin. War Edda Schönherz mit dem Verlassen der DDR endlich in Sicherheit und ihren Häschern entronnen? Zumindest glaubte sie das. Erst durch das Studium ihrer Stasi-Akten erfuhr sie, dass selbst in ihrem direkten Umfeld beim Bayerischen Rundfunk zwei ihrer Kollegen auf der Gehaltsliste der Staatssicherheit standen und permanent nach Ost-Berlin über sie berichteten.

Zwei Dinge ärgern Edda Schönherz heute besonders: Zum einen, dass die ehemaligen Stasi-Mitarbeiter niemals zur Rechenschaft gezogen wurden, da dies im Einheitsvertrag auf Wunsch der DDR-Übergangsregierung so gefordert wurde und damit die Stasi-Opfer ein zweites Mal zu Opfern wurden, während die Täter heute hohe Pensionen erhalten und zum anderen, dass derzeit nicht weiter an der Wiederherstellung der geschredderten Stasi-Akten gearbeitet wird, was den Verdacht nahe legt, dass Personen, die hohe Ämter in der Bundesrepublik Deutschland bekleiden, geschützt werden sollen.

2002 kehrte Edda Schönherz nach Berlin zurück und unterstützt dort die Gedenkstätte Hohenschönhausen als Zeitzeugenreferentin, um die Erinnerung wach zu halten, damit in Deutschland nach zwei Diktaturen so etwas nie wieder geschehen kann.

Und das Fazit? Für alle, die am Vortragsabend und am vormittäglichen Workshop in der Schule teilnehmen konnten, war dies eine wahrhaft beeindruckende und lehrreiche Veranstaltung! Hoffentlich nehmen sich die Schülerinnen und Schüler die mahnenden Worte von Edda Schönherz zu Herzen und setzen sich für ihre und unsere Demokratie künftig aktiv ein.

Jan-Gernot Wichert

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