Jubiläumsjahr 2010

Warum man etwas von der Antike verstehen muss, um Europa zu verstehen.

Im Rahmen des Vortragsprogramms im Jubiläumsjahr der Stiftsschule stellte der Marburger Altphilologe Prof.Dr. Arbogast Schmitt die Bedeutung der antiken Tradition für unsere gegenwärtige europäische Kultur in den Mittelpunkt seiner Betrachtung: „Wir sind bis zum Hals voll mit antiker Kultur, aber wir wissen es (oft) nicht.“ So ist es wichtig, immer wieder daran zu erinnern, dass unsere europäische Kultur sich in der Rezeption der Antike geformt und weiterentwickelt hat.

Jede Epoche, so zeigte Schmitt in verschiedenen Schritten auf, hat sich mit der Antike auseinandergesetzt und sie damit unentbehrlich gemacht für ein Verständnis unserer heutigen Kultur. Auch die antike Kultur selbst war, wie wir heute wissen, auch Rezeptionskultur.
 

Prof. Schmitt entfaltete verschiedene Beispiele, an denen die engen Verbindungen zwischen der antiken und unserer modernen Kultur sichtbar wurden:

Die für die Klassik als Voraussetzung grundlegende Lehre der Ästhetik und Kunsttheorie von Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1762) fußt auf dem, was Horaz in der ars poetica als Theorie formulierte. Die Ursprünge der Evolutionstheorie Darwins finden sich bei Lukrez, die Vertragstheorien der Staatstheorien der Aufklärung gehen auf die griechische Staatsphilosophie zurück, die die Notwendigkeit des Staates für die optimale Entfaltung der Persönlichkeit des Menschen plausibel machte. In seiner Markttheorie griff Adam Smith auf die in der Stoa formulierte Selbsterhaltungstheorie zurück. Auch auf die moderne Ethik übte die Stoa prägenden Einfluss aus, nicht zuletzt in ihrer Rezeption bei Kant, der in seinen „Kritiken“ entfaltete, dass dieser Selbsterhaltungstrieb des Menschen nicht einfach Neigung ist, sondern über die Entwicklung des Verstandes zu der Erkenntnis führt, dass der Trieb auch die Pflicht zur Erhaltung aller enthält.

Was Prof. Arbogast Schmitt seinem gebannt zuhörenden Publikum entfaltete, war aber weit mehr als ein Kaleidoskop von Ideen, die an die Bedeutung einer vergangenen Epoche erinnern. Er legte überzeugend dar, dass gerade in aktuellen Diskussionen über Evolutionstheorie, Grundwerte der Gesellschaft oder Politikverdrossenheit die Kenntnis der Antike und ihres in unserer Gesellschaft stets wirksamen Erbes unerlässlich ist. Denn auch heute ist die Rezeption der Antike ein wesentlicher Faktor in der Weiterentwicklung unserer europäischen Gesellschaft.

Dass es dabei nicht einfach um die Übernahme oder gar Verklärung von Grundwerten oder Begriffen aus der Antike geht, sondern diese selbst z.B. die Grundrechte des Menschen formulierte, aber auch deren Absolutsetzung kritisch reflektierte, stellt Schmitt am Beispiel der Gerechtigkeitsdefinition des Kephalos in Platons „Politeia“ dar. So wenig wie die beiden Kriterien dort – gute Gesinnung, niemanden etwas schuldig bleiben zu wollen und Reichtum – als Definition der Gerechtigkeit absolut gesetzt werden können, so wenig gilt dies für Grundrechte, wenn ihre Verabsolutierung das Gemeinwohl in Frage stellen, wie das z.B. bei der Leugnung des Holocaust als Form der freien Meinungsäußerung der Fall wäre.

Antike Kultur im Bildungswesen der Gegenwart und Zukunft lebendig zu erhalten, gehört daher zu den wichtigen Aufgaben schulischer Bildung, um die europäische Kultur verstehen und weiterentwickeln zu können. Sie zu vermitteln, ist damit auch ein Stück Gerechtigkeit in Sachen Bildung. Dies geschieht jedoch nicht ohne Bemühen, Lernende wenden sich der Antike nicht aus purer Neugier zu. Aufgabe der Lehrenden ist es deshalb, Bedürfnisse zu wecken und, wie Aristoteles sagt, „das wirklich Angenehme schmecken lehren“. Dass Prof. Schmitt dies mit seinem Vortrag in vollem Umfang gelungen war, ließen der lang anhaltende Applaus und die angeregte Diskussion erkennen.


Text: Ma, Bilder: May