Jubiläumsjahr 2010

„Herzensbildung als Ziel schulischen Handelns“

Propst Dr. Sigurd Rink

Der ehemalige Stiftsschüler Propst Dr. Sigurd Rink hielt am 9. November 2010 einen Vortrag zum Thema „Herzensbildung als Ziel schulischen Handelns“ im Konzertsaal der Stiftsschule.


 
Er begann seinen Vortrag mit einem ganz persönlichen Einblick in sein Verhältnis zum 9. November. So verwies er sowohl auf das freudige Ereignis des Mauerfalls, als auch auf die Reichspogromnacht 1938. Letztere beleuchtete er näher und erzählte vom Erlebnis seines aus Elnhausen stammenden Vaters. Er wurde von einem Lehrer in seiner Schule am 10. November 1938 mit den Worten begrüßt: „Meine Damen und Herren, heute Nacht hat Deutschland aufgehört eine Kulturnation zu sein“. Bei neuesten Nachforschungen im Finanzministerium konnte herausgefunden, dass diese Integrität, die ein Lehrer gezeigt hatte, nicht bei den gebildeten „Eliten“ des deutschen Reiches zu finden war. Insofern forderte Rink, dass in der schulischen Bildung Werte und Normen zu vermitteln seien, die die Ereignisse von damals heute unmöglich machen würden. 1989 – und so schließt sich der Kreis - habe man beobachten können, dass es dem Sozialismus nicht gelang christliche Werte und Normen beiseite zu schieben.

Um nun die großen Herausforderungen für schulische Bildung herauszufinden, müsse man sich den Grundpfeilern der Gesellschaft zuwenden. Als solche nannte er nach Luhmann Politik, Wirtschaft, Kultur (zu der die Religion in besonderem Maße gehöre) und Wissenschaft. Jede einzelne dieser Säulen müsse jedoch in der heutigen Zeit „um ihre Standfestigkeit bangen“.



 
Die Politik leidet unter der Politikverdrossenheit der Gesellschaft. Das ehemals große Ansehen eines Politikers ist heutzutage deutlich geringer geworden, ein politisches Amt scheint Jugendlichen heute nicht erstrebenswert. Insofern müsse eine politische Jugendbildung gefördert werden. Eine große politische Herausforderung für schulische Bildung sei hierbei die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund.

Der Wirtschaft als zweite Säule mangele es an Fachkräften. Gerade in den kommenden geburtenschwachen Jahrgängen sei es deshalb eine besondere Herausforderung an die schulische Bildung, auch schwächere Schüler ausreichend für wirtschaftliche Tätigkeiten zu qualifizieren.

Im Bereich der Religion sah Rink vor allem die Säkularisierung der Gesellschaft als Problem. Identitätsfindung im Zeitalter der Patchworkreligiosität sei schwierig, die Sorge um den kirchlichen Nachwuchs resultiere auch daraus.

Die Wissenschaft habe selbst nur Machbarkeit im Auge und orientiere sich nicht an Werten und Normen. Letztlich – so Rinks Schlussfolgerung – sei Bildung oder genauer Herzensbildung die Antwort auf die gesellschaftlichen Probleme.



 
Wie aber ist (Herzens-)bildung in der heutigen Zeit zu erreichen? Rink sprach hier wieder von vier Bereichen, die Familie, Bildung in Kindergarten, Grund- und weiteren Schulen.

Für die Entwicklung eines Bildungsinteresses, aber auch einer Beziehung zur Religion sei es wichtig die Bedeutung der Herkunftsfamilie stärker zu beachten. Die größte Herausforderung für Kindergärten sei der Spracherwerb der Kinder gerade in einer Zeit, in der Menschen mit Migrationshintergrund in der Überzahl seien. Hier müssten Integrationskräfte nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern bereitgestellt werden. 2/3 aller Kindergartenplätze werden heute in Deutschland in kirchlichen Einrichtungen bereitgestellt. Doch die daraus  scheinbar resultierende religiöse Orientierung im Kindesalter sei in der Wirklichkeit nicht gegeben, denn eine „Sprechfähigkeit des Glaubens“ sei nicht das Ziel in der Qualifizierung des Kindergartenpersonals. Im Grundschulbereich mahnte Rink an die Bedeutung der so genannten „weichen Fächer“ zu stärken.



 

Zum Schluss seines Vortrags betrachtete Propst Sigurd Rink die weiterführenden Schulen. Hier sei nicht nur Ausbildung von Menschen, um in der Arbeitswelt zu funktionieren, vonnöten. Vielmehr müsse eine breite Persönlichkeitsbildung angestrebt werden. Ziel müsse es sein, Schüler mit Werten und Normen auszustatten und integre, intellektuelle Menschen mit Herz zu bilden. Besonders kritisch sei hierbei die Verzwecklichung der schulischen Bildung zu sehen, die nicht wirkliche Orientierung biete. Herzensbildung, resümierte Rink, ist unterrichten jenseits der Pflicht.


Bilder: May
Text: May, Ma