Jubiläumsjahr 2010

Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Bildungstheoretische Überlegungen zu einer „guten“ Schule.

Vortrag von Prof. Dr. Bernhard Dressler am Dienstag, den 26.10.2010.

Im Rahmen der Vortragsreihe im Herbst des Jubiläumsjahres „125 Jahre Stiftsschule“ ließ Prof. Dr. Bernhard Dressler ein kleines Publikum an bildungstheoretischen Überlegungen zu einer „guten Schule“ teilhaben. Sähe man nur den Bildungstheoretiker in ihm, so würde man ihm und seiner Biographie nicht gerecht werden. Nach dem Studium der evangelischen Theologie war Prof. Dr. Dressler zwölf Jahre lang als Lehrer an der integrierten Gesamtschule in Hannover-Linden tätig und anschließend 12 Jahre am Religionspädagogischen Institut Loccum der ev.-luth. Landeskirche Hannovers, davon 8 Jahre als Rektor. Seit 2003 lehrt er an der Philipps-Universität in Marburg.

 

Am Beginn des Vortrages stand zunächst die Frage, welches Ziel Bildung verfolgen sollte. Hierbei war es dem Vortragenden besonders wichtig, herauszustellen, dass der Unterricht nicht in erster Linie dem Erlernen von reinem Verfügungswissen dient, sondern vielmehr Wert auf ein Orientierungswissen legen muss. Ließe man das Orientierungswissen außer Acht, so würde man die Schule lediglich an Verwertbarkeitserwartungen ausrichten und Schüler rein für die Anforderungen des Arbeitsmarktes ausbilden. Während, so Dressler, die Bildungstheoretiker sich in diesem Sinne einig seien, würde die von der Industrie geforderte Ökonomisierung ein bildungsfeindliches Klima begünstigen.  Berücksichtigt man jedoch beide Formen von Wissen, so gelingt es, die Schüler dazu zu befähigen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und somit eine Lebensführungskompetenz zu erwerben.

 

Eine Schwierigkeit der Schulen in der heutigen Zeit sieht Dressler in der Ausbildung der Lehrkräfte, die als Fachwissenschaftler ausgebildet an die Schulen kommen und daher Schüler in ihrem Unterricht als miniaturisierte Chemiker, Musiker, Germanisten, etc. betrachten. Dabei kann es ein Schüler nicht leisten, in jedem Bereich zu einem Wissenschaftler heranzuwachsen, weshalb das Ziel  sein sollte, nicht Expertentum im Kleinen sondern Kommunikationsfähigkeit mit Experten zu erreichen. Ein Schüler muss nicht in der Lage sein, sich mit jedem Experten über dessen Fachgebiet zu unterhalten, er muss nur in der Lage dazu sein, die Ausführungen des Experten begründet zu beurteilen - als „allgemeingebildeter Laie“.

 

Zurückkommend zu seiner ursprünglichen Deutung der Bildung als Befähigung zur Teilnahme am kulturellen Leben drängt sich natürlich die Frage auf, wie eine solche Befähigung aussehen kann. In seinen Augen liegt alles daran, die Welt zu verstehen. Hierfür ist es wichtig, ein gültiges Wertesystem zu besitzen. Während aber viele über den Werteverlust der Gesellschaft klagen, merkt Dressler an, dass in der Gesellschaft genau das Gegenteil der Fall ist – die Fülle der Werte aufgrund unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen bedingt eine „neue Unübersichtlichkeit“ (J. Habermas). Schüler können sich nicht im Dschungel der Werte zurechtfinden.
Schwierig wird es in dem Moment, in dem Weltanschauungen fundamentalistischen Charakter erhalten. So prangert er hierbei den „modernen Aberglauben“, den Wissenschaftsglauben an, der häufig mit einem Totalitätsanspruch einhergeht.

 

Die Möglichkeit, die Welt zu verstehen fasste Jürgen Baumert, der auch für den ersten Teil der PISA-Studie federführend war, in vier „Modi der Weltbegegnung“, die als Grundlage des schulischen Fächerkanons dienen. Im ersten Moment verwundert es dabei, dass ein Nicht-Theologe der Religion und der Philosophie einen eigenen Modus, den der „Probleme konstitutiver Rationalität“, zubilligt. Doch bereits im nächsten Gedanken weist er darauf hin, dass alle Modi gleiche Berechtigung und Wertigkeit besitzen und sich nicht gegenseitig ersetzen können, weshalb – so Baumert und Dressler  - die Religion sich deshalb (genau wie jede andere Fachwissenschaft) nicht über die anderen mit einem Totalitätsanspruch erheben dürfe. Ziel ist es jedoch auch, dass die Fächer nicht in einem Welterschließungsmodus verharren, sondern andere Erschließungsmodi berücksichtigen.

 

Ein Weltverstehen geht mit der Ausbildung der eigenen Individualität einher. Nur durch Ausbildung der eigenen Individualität kann man zu einem Verständnis der Welt gelangen, umgekehrt jedoch hilft das Weltverständnis zur Ausbildung der eigenen Individualität. Insofern kann Handlungsfähigkeit nicht „erlernt“ werden, sondern erwächst aus dem eigenen Verstehen. Und wieder wendet sich Prof. Dr. Dressler an die Lehrer und fordert mit einem Zitat von Hannah Arendt, dass Erziehung stets konservativ sein muss – die Erwachsenengeneration muss für ihre Welt eintreten und den Jugendlichen deren Verstehen ermöglichen. Wenn die ältere Generation nicht versucht die Veränderung der Welt zu beeinflussen,  kann es gelingen, dass die neue Generation auch Neues und Revolutionäres hervorbringt.

 

All diese Punkte fasste Prof. Dr. Dressler in einer verhältnismäßig einfachen Formel zusammen: „Bildung ist Unterscheidungsfähigkeit“. Dabei geht es nicht darum, dass Schule für alles eine Formel liefern soll, Schule soll jedoch werten (nicht Werte) lehren, so dass Schüler mit einer Unsicherheitstoleranz ausgestattet mit der Lebensgewissheit versöhnt werden.

 

Nach einem sehr dichten Vortrag schloss sich eine rege Diskussion über die Bedeutung des Gehörten für die Stiftsschule an. Prof. Dr. Dressler erhielt für den äußerst anregenden Vortrag lang anhaltenden Applaus und die Zuhörer konnten sicherlich einige wichtige Anregungen aus dem Vortrag nehmen.

Björn Mayr

 

Johanneshaus & Mensa

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