Unterricht

"Wenn wir das überleben, müssen wir der Welt davon erzählen!"

Die Holocaust-Überlebende Gisela Spier-Cohen berichtet Stiftsschülern von den Gräueltaten der Nazi-Diktatur

Am Abend des 8. November 1938 wurde die damals fast neunjährige Gisela Spier in Momberg von ihrer Mutter vorsorglich zu einer christlichen Freundin der Familie geschickt, damit sie dort übernachte. Denn ein Freund des Vaters hatte die Familie gewarnt, dass in der Nacht etwas passieren könne.
Als dann nachts SA-Männer aus Neustadt nach Momberg marschierten, die Synagoge zerstörten und vor jüdischen Häusern randalierten, brach für die Familie Spier eine bis dahin intakte Welt zusammen. Ihr Vater Siegfried Spier hatte immer die Überzeugung vertreten, von den Nazis gehe für sie keine Gefahr aus. In Momberg war für ihn und seine Familie von Diskriminierung nichts zu spüren. Siegfried Spier hatte im Ersten Weltkrieg zwei Brüder verloren und war selbst verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. "Das hat unsere Familie deutsch gemacht", kommentierte Gisela Spier-Cohen die Einstellung der Familie. Am Tag nach der Reichspogromnacht konnte sie als junges Mädchen die Veränderungen unmittelbar daran erfahren, dass ihr und anderen jüdischen Kindern ab sofort der Schulbesuch verboten war. Sie wurde nach Frankfurt geschickt, von wo sie dann mit ihrer Familie im September 1942 nach Theresienstadt gebracht wurde.

 
In der ergreifenden Schilderung ihres Schicksals gab es auch heitere Momente, als Gisela Spier-Cohen von der Mitwirkung in einem Propagandafilm der Nazis berichtete, der in Theresienstadt gedreht wurde. Das Lager in der Tschechoslowakei diente der NS-Propaganda als Vorzeigelager, durch das der internationalen Öffentlichkeit ein menschenwürdiger Umgang mit den Gefangenen vorgetäuscht wurde. Als für einen Propagandafilm Kinder des Lagers beim Baden in der Eger gefilmt werden sollten, sprang Gisela Spier-Cohen unerschrocken und bedenkenlos in den Fluss und musste dann vor dem Ertrinken gerettet werden, weil sie nicht schwimmen konnte. "Jetzt hast du das ganze Bild versaut", fuhr sie ein Wachmann an.
Als sie im Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz gebracht wurde, wurde ihre Familie nach der Ankunft sofort getrennt. Ihre Eltern wurden noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet und sie selbst berichtete ergreifend von ihrem Wunsch, in solch einer Welt nicht mehr leben, sondern wie ihre Eltern sterben zu wollen. Auch über die Begegnung mit Lagerarzt Josef Mengele bei der Ankunft sprach sie: "Er hat sich über meinen hessischen Akzent amüsiert". Da Gisela Spier noch als arbeitsfähig eingestuft wurde, schickte man sie von Auschwitz aus zu Schwerstarbeit in eine Flugzeugwerft nach Sachsen. Von dort kam sie noch einmal in ein Konzentrationslager - diesmal nach Mauthausen in Österreich. Als sie am 5. Mai 1945 dort die Befreiung des Lagers durch die Amerikaner erlebte, wog sie noch 21 Kilogramm.

Gefesselt von der Darstellung verfolgten die Schülerinnen und Schüler der Jgst. 13 die Erzählung von Frau Spier-Cohen, die ihnen ein Highlight von anschaulichem Geschichtsunterricht bot. Sie hat es sich, auch wenn sie inzwischen in Toronto (Kanada) lebt, zur Aufgabe gemacht, regelmäßig zu Vorträgen in Schulen und Gemeinden nach Deutschland zurück zu kommen und damit die Verpflichtung einzulösen, die sich die Überlebenden des Holocaust gegenseitig gegeben hatten. Auch für Momberg, wo sie sich als Kind sehr wohlgefühlt hatte, zeigte sie immer noch reges Interesse: Sie erkundigte sich bei Schülern aus Momberg nach einzelnen Familien und ermutigte die Schülerinnen und Schüler, sich dort die noch vorhandenen Zeugnisse jüdischen Lebens anzusehen. Herr Lang, der Frau Spier-Cohen im Namen der Stiftsschule begrüßte, zeigte sich wie auch die Schülerinnen und Schüler nach dem Vortrag sehr dankbar dafür, dass die Begegnung mit ihr möglich war und dass sie den Mut und das Engagement aufbringt, so frei über ihr so bedrückendes Schicksal zu berichten.
 

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